Im Freien Fall

Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft
2010

 
Inhalt
Vorwort

Kapitel 1:  Wie eine Krise gemacht wird

Kapitel 2:  Der freie Fall und seine Folgen

Kapitel 3:  Fehler beim Krisenmanagement

Kapitel 4:  Der Hypothekenbetrug

Kapitel 5:  Wie die Amerikaner ausgenommen wurden

Kapitel 6: Habgier triumphiert über Besonnenheit

Kapitel 7: Eine neue Marktwirtschaft

Kapitel 8: Von der Erholung der Weltwirtschaft zu globalem Wohlstand

Kapitel 9: Die Wirtschaftswissenschaften erneuern

Kapitel 10: Aufbruch zu einer neuen Gesellschaft

Dank, Anmerkungen
 
 
Vorwort (in Auszügen)
In der großen Rezession, die im Jahr 2008 begann, verloren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ihre Häuser und Arbeitsplätze. Noch viel mehr waren in Angst und Sorge, dass ihnen das Gleiche widerfahren könnte, und fast jeder, der für seinen Lebensabend oder für die Ausbildung seiner Kinder Geld zurückgelegt hatte, musste erleben, dass der Wert dieser Ersparnisse auf einen Bruchteil ihres früheren Wertes schrumpfte.
Eine Krise, die in Amerika begann, breitete sich binnen kurzem auf die ganze Welt aus – allein in China gingen 20 Millionen Arbeitsplätze verloren, und viele Millionen Menschen verarmten.
Die moderne Volkswirtschaftslehre  mit ihrem Glauben an freie Märkte und an die Globalisierung hatte Wohlstand für alle versprochen. Die hochgerühmte New Economy sollte ein besseres Risikomanagement ermöglichen und dadurch den konjunkturellen Schwankungen ein Ende setzen.
Die große Rezession hat diese Illusionen zerstört. Sie zwingt uns dazu, liebgewonnene Ansichten zu überdenken. Ein Vierteljahrhundert lang waren bestimmte marktwirtschaftliche Doktrinen tonangebend: Freie und unbeschränkte Märkte seien effizient; wenn sie Fehler machten, würden sie diese schnell korrigieren. Der Staat müsse sich auf die notwendigen Aufgaben beschränken, und Regulierung hemme die Innovationskraft einer Volkswirtschaft. Zentralbanken sollten unabhängig sein und sich darauf konzentrieren, die Inflationsrate möglichst niedrig zu halten. Mittlerweile hat selbst der Hohepriester dieser Ideologie, Alan Greenspan, Präsident der US- Notenbank eingeräumt, dass dieser Ansatz verfehlt war.
Dieses Buch befasst sich mit einem Kampf der Ideen, mit den Vorstellungen, die zu den verfehlten politischen Maßnahmen führten, die die Krise auslösten, und mit den Lehren, die wir daraus ziehen.

Die Krise von 2008 wird eine neue Sicht der langjährigen Kontroversen um die Frage, welches Wirtschaftssystem dem Gemeinwohl am dienlichsten ist, mit sich bringen. Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus mag vorbei sein, aber es gibt unterschiedliche Spielarten der Marktwirtschaft. Ich glaube, dass Märkte im Zentrum jeder erfolgreichen Volkswirtschaft stehen, dass sie aus eigener Kraft aber nicht richtig funktionieren. Damit stehe ich in der Tradition des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der die moderne Volkswirtschaftslehre maßgeblich geprägt hat.
Der Staat muss eine Rolle spielen, nicht nur, um die Wirtschaft zu retten, wenn Märkte versagen, und bei der Regulierung der Märkte, um jene Arten des Versagens, wie wir sie gerade erleben, zu verhindern.
Volkswirtschaften brauchen ein Gleichgewicht zwischen Markt und Staat – mit wichtigen Beiträgen von nicht-marktgestützten und nichtstaatlichen Institutionen. In den letzten 25 Jahren hat Amerika dieses Gleichgewicht verloren, und es hat seine unausgewogenen Konzepte vielen anderen Ländern aufgezwungen.
....

Aber die Bewältigung der Krise ist nur eines der Themen, die mich interessieren; ich bin auch besorgt darüber, wie die Welt nach dem Ende dieser Krise aussehen wird.
Wir werden und können nicht zu der Welt, wie sie vor der Krise gewesen ist, zurückkehren. Vor der Krise waren die Vereinigten Staaten und die Welt insgesamt mit vielen Problemen konfrontiert; nicht das Geringste dieser Probleme ist der Klimawandel. Das Tempo der Globalisierung erzwang einen raschen Strukturwandel in den Volkswirtschaften und erhöhte vielfach deren Anpassungsfähigkeit. Diese Herausforderungen werden nach der Krise fortbestehen, aber uns werden erheblich weniger Ressourcen zu ihrer Bewältigung zur Verfügung stehen.
...
Wenn wir hingegen die falschen Entscheidungen treffen, werden die sozialen Verwerfungen zunehmen, und die Wirtschaft wird anfälliger für eine weitere Krise sein und schlechter gewappnet für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Dieses Buch soll dazu beitragen, die Weltordnung, die sich nach der Krise herausbilden wird, besser zu verstehen, und aufzeigen, wie unser heutiges Verhalten die Weltordnung positiv oder negativ beeinflussen wird.
...
In den vergangenen 25 Jahren wurde unser Finanzsystem, das sich angeblich so zuverlässig selbst regulieren kann, mehrfach von der öffentlichen Hand gerettet. Aus dem Überleben des Systems zogen wir die falschen Lehren, nämlich, dass es aus eigener kraft funktioniere. Tatsächlich funktionierte unser Wirtschaftssystem schon vor der Krise für die meisten Amerikaner nicht besonders gut. Manchem ging es gut, aber es war nicht der
Durchschnittsamerikaner.
....
Wenn man über die Probleme nachdenkt, die diese Krise im Finanzsektor zum Vorschein brachte, zeigt sich, dass sie allgemeiner Natur sind und dass es in anderen Bereichen ähnliche Probleme gibt. Bemerkenswert ist auch: Sobald man hinter die Fassade blickt – hinter die neuen Finanzprodukte, die zweitklassigen (»subprime«) Hypothekendarlehen und die besicherten Finanzierungsinstrumente –, gleicht diese Krise vielen früheren Krisen in den vereinigten Staaten und in anderen Ländern. Eine Vermögenspreisblase bildete sich und platzte – mit verheerenden Folgen. Die Bildung der Blase wurde durch eine unsolide, leichtfertige Kreditvergabe der Banken gefördert, die als Sicherheit Vermögensgegenstände akzeptierten, deren Wert durch die Blase künstlich aufgebläht worden war.
Die neuen Innovationen erlaubten es den Banken, einen Großteil ihrer Problemkredite zu kaschieren, sie nicht in ihren Bilanzen auszuweisen und so ihren tatsächlichen Verschuldungsgrad zu erhöhen – was die Blase nur noch größer und die Folgen ihres Platzens noch verheerender machte. Neue Instrumente (sogenannte Credit Default Swaps), die angeblich der besseren Risikoabsicherung dienten, aber mindestens genauso sehr die Aaufsichtsbehörden täuschen sollten, waren so komplex, dass sie die Risiken vergrößerten.
Die große Frage, mit der wir uns in diesem Buch ausführlich befassen werden, lautet also: Wieso und weshalb ließen wir es zu, dass dies wieder und in einem solchen Ausmaß geschah?
.....

Die Verteidiger des Finanzsektors haben nicht begriffen, dass die gesamte Kiste – das System – faul war.
Immer wenn Probleme so hartnäckig und allgegenwärtig sind, wie es beim US-Finanzsystem der Fall war, kann man daraus nur einen Schluss ziehen: die Probleme sind systemischer Natur. Die hohen Boni und die grassierende Profitgier an der Wall Street mögen unverhältnismäßig viele skrupellose Banker angelockt haben, aber die Tatsache, dass das Problem universell war, deutet auf fundamentale Fehler im System hin.
....
Nach jeder Episode machte man mehr oder minder im alten Trott weiter, und viele gelangten zu dem Schluss, dass die Märkte, sich selbst überlassen, reibungslos funktionierten.
Tatsächlich wurden märkte immer wieder von der öffentlichen Hand vor den Folgen ihrer eigenen Fehler gerettet.
....
 Dass Sonderinteressen – der Finanzmärkte – diese Politik maßgeblich geprägt haben, liegt auf der Hand.
Die Rolle der Volkswirtschaftslehre hingegen ist vielschichtiger. Auf die lange Liste derjenigen, die mitverantwortlich für die Krise sind, würde ich auch die Zunft der Ökonomen setzen, denn sie haben die Sonderinteressen  mit Argumenten über effiziente Märkte und deren »Selbstheilungskräfte« versorgt – obgleich Fortschritte auf dem Gebiet der ökonomischen Theoriebildung in den letzten zwanzig Jahren gezeigt haben, dass diese Annahmen nur unter eingeschränkten Bedingungen gelten. Infolge dieser Krise werden sich Wirtschaftstheorie und -politik höchstwahrscheinlich genauso stark verändern wie die Wirtschaft selbst, .....

Ich werde oft gefragt, wieso sich die Ökonomen derart irren konnten.
Wir Ökonomen verstehen uns gut darauf, grundlegende Kräfte zu erkennen; die genaue zeitliche Abfolge von Ereignissen können wir dagegen nicht zuverlässig vorhersagen. Bei der Konferenz in Davos im Jahr 2007 befand ich mich in einer unangenehmen Lage. Beim Treffen im Jahr zuvor hatte ich eindringlich vor drohenden Problemen gewarnt. Doch die Weltwirtschaft wuchs nach wie vor in atemberaubendem Tempo. Die globale Wachstumsrate von sieben Prozent war praktisch beispiellos, und sie trug auch in Afrika und Lateinamerika Früchte. Wie ich meinen Zuhörern darlegte, bedeutete dies entweder, dass meine theoretischen Grundannahmen falsch waren oder dass die Krise, wenn sie denn ausbrechen würde, härter und länger wäre, als ursprünglich angenommen. Aus naheliegenden Gründen entschied ich mich für die zweite Interpretation.