Wenn man Wechselkurse fixiert, ist jedoch eine Bedingung zu beachten: Der Außenhandel muss ausgeglichen sein. Es darf nicht sein, dass einige Länder permanent Exportüberschüsse anhäufen, während andere Staaten genauso unbekümmert Defizite produzieren. Beim Bancor war daher vorgesehen, dass sowohl Überschüsse wie Defizite mit Strafzinsen belegt werden. Leider wurde Keynes' kluge Idee bei der Einführung des Euros
nicht befolgt - dabei wäre es bei der Währungsunion noch nötiger gewesen, Überschüsse und Defizite zu ahnden. Denn beim Bancor wäre es immerhin jederzeit möglich gewesen, dass die Zentralbanken die Wechselkurse neu festsetzten, falls ein Land zu viel exportierte oder importierte. Dies geht beim Euro bekanntlich nicht, weil alle Mitgliedsländer das gleiche Geld haben.
Inzwischen ist die Eurozone kaum noch funktionsfähig. Deutschland hat gigantische Exportüberschüsse aufgehäuft, während Staaten wie Griechenland oder Spanien beträchtliche Auslandsschulden haben. Diese Unwucht wäre gar nicht erst entstanden, wenn von Anfang an klar gewesen wäre, dass sowohl Überschüsse wie Defizite massiv bestraft werden. Noch immer sind viele Deutsche stolz auf den großen Exportüberschuss, den ihr Land jedes Jahr erwirtschaftet. Doch ist dieses Plus nur möglich, weil woanders ein Minus entsteht. Zudem ist dieses Plus völlig wertlos und nur noch eine fiktive Zahl in einem Bankcomputer, denn die Schuldner werden ihre Schulden niemals zurückzahlen können. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Griechenlands: Das Land steckt in genau jener Falle, in der Deutschland ab 1919 festsaß, als es Reparationen leisten sollte. Keynes hat damals das zentrale Problem herausgearbeitet: Wer Auslandsschulden bedienen soll, benötigt Exportüberschüsse. Diese Überschüsse hat Griechenland nicht. Es wäre daher sinnvoll, die Schulden der Eurokrisenländer abzuschreiben.

Die Eurozone funktioniert nicht, weil auch sie an einem Irrtum der Neoklassiker krankt: Es wird unterstellt, dass Einzelstaaten genau wie Unternehmen funktionieren würden. Dieses groteske Missverständnis manifestiert sich in dem beliebten Schlagwort der "Wettbewerbsfähigkeit«. So wie einzelne Firmen nur überleben können, wenn sie mindestens so kostengünstig produzieren wie die Konkurrenz, so soll auch für Staaten gelten, dass sie sich im "Wettbewerb « durchsetzen müssen, indem sie möglichst billig sind und Exportüberschüsse anhäufen. Deutschland hat daher seit 1996 gezielt seine Reallöhne gedrückt, um die anderen Euroländer zu unterbieten.
Doch anders als Unternehmen sind Staaten keine Konkurrenten. Die heutige Neoklassik macht exakt den gleichen Fehler, den Adam Smith schon bei den Merkantilisten diagnostiziert hat: Sie setzt auf eine Verarmungspolitik des Nachbarn, auf die Strategie »beggarthy-neighbour«. Wie Adam Smith ebenfalls klar erkannte, kann eine solche Staatenkonkurrenz gar nicht funktionieren: Wohin soll die Exportnation denn exportieren, wenn den anderen Ländern das Geld fehlt, um zu importieren? Kapitalistische Länder können nur gemeinsam reich werden, nicht gegeneinander.
Deutschland muss sich also dringend von seinen gewaltigen Exportüberschüssen verabschieden, wenn die Eurozone überleben soll. Viele Bundesbürger entwickeln sofort Verlustängste, wenn sie diese Nachricht hören, doch auch diese Furcht beruht auf einem Missverständnis: Man darf ruhig »Exporrweltmeister« bleiben - solange man auch »Importweltmeister« ist.'? Wichtig ist nur, dass der Außenhandel ausgeglichen ist, damit alle Länder gemeinsam wachsen können.
»Importweltmeister« kann Deutschland jedoch nur werden, wenn hierzulande die Löhne deutlich steigen. Die frohe Botschaft lautet: Europaweit werden alle reicher, auch die deutschen Unternehmer, wenn die deutschen Arbeitnehmer mehr verdienen. Es handelt sich um eine klassische Win-win-Situation, die nur die Neoklassiker nicht wahrnehmen können, weil sie niemals die Perspektive der  Einzelfirma verlassen. Die Neoklassiker haben überhaupt ein sehr beschränktes Bild 'vom Außenhandel: Er kommt bei ihnen nur als Freihandel von Waren vor. Die grassierende Devisenspekulation wird genauso ignoriert wie das Problem der Auslandskredite und -schulden. Doch obwohl dieser neoklassische Begriffvom Freihandel so außerordentlich reduziert ist, soll ausgerechnet diese Schrumpfversion die Welt retten.
Die Neoklassik stilisiert den Freihandel zum zentralen Wachstumsmotor, weswegen derzeit etwa 110 Länder damit beschäftigt sind, 22 regionale Handelsabkommen zu verhandeln. Kritiklos wird unterstellt, dass der Freihandel grundsätzlich effizient sei, und in jedem Lehrbuch wird Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile ausbuchstabiert. Tatsächlich ist dieses Modell mathematisch absolut sauber. Doch wie schon Keynes feststellte, gilt es in seiner reinen Form nur unter einer Bedingung: wenn allseits Vollbeschäftigung herrscht.
Zudem lebte Ricardo in einer Zeit, als es nur kleine Firmen gab. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass 200 transnationale Konzerne etwa 10Prozent der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung produzieren. Geschätzte SO Prozent des globalen Handels finden nicht mehr zwischen Ländern statt - sondern innerhalb von grenzüberschreitenden Großkonzernen." Den klassischen Freihandel gibt es also genauso wenig wie den "freien Markt«, auf dem perfekter Wettbewerb herrscht. Stattdessen wird die globale Wirtschaft von Großkonzernen beherrscht, was Marx und Engels als Erste erkannten. Dieser Konzentrationsprozess ist jedoch keine Intrige böser Kapitalisten, sondern das Paradox des Wettbewerbs: Ausgerechnet das Prinzip der Konkurrenz führt dazu, dass am Ende nur noch Oligopole übrig bleiben. Denn jeder einzelne Unternehmer ist gezwungen, permanent seine Effizienz zu steigern und mehr zu produzieren, wenn er im Wettbewerb bestehen will. Doch da der Markt irgendwann gesättigt ist, überleben  nur wenige Giganten.
Das Thema Macht lässt sich also nicht ignorieren, wie die Neoklassik gern behauptet. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Wirtschaft von den Großkonzernen und den Finanzmärkten dominiert wird. Der Staat ist daher unerlässlich, um als Gegengewicht zu wirken. Doch ist er mehr als nur ein Reparaturbetrieb, der die Schäden des Kapitalismus beseitigt. Ohne den Staat könnte sich der Kapitalismus gar nicht entwickeln - nicht zuletzt weil den Unternehmern die Ideen ausgehen würden.
Neoklassiker glauben zwar gern, dass die wichtigen Erfindungen einzelnen Genies zu verdanken seien. Doch das ist reine Fiktion. Forschung findet im Kollektiv statt - und wird meist vom Staat finanziert. Die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato hat kürzlich untersucht, wie es zu den technischen Erfindungen kam, die neue Produkte wie Google, Smartphones oder komplexe Krebstherapien möglich machten. Ergebnis: Die nötigen Erkenntnisse waren immer in staatlichen Labors entstanden. Private Firmen haben diese Innovationen »nur« noch zu marktfähigen Waren zusammengebaut. Steve Jobs beispielsweise war besonders genial darin, staatliches Wissen in neue Produkte umzusetzen - und den Gewinn zu privatisieren.
Den perfekten Markt gibt es also nicht, den die Neoklassik herbeisehnt. Das ist gut so. Hätte der Markt immer recht, wären ökonomische Theorien überflüssig. Die Deutung des Kapitalismus wird nie eindeutig sein, und es
wird immer konkurrierende Interpretationen geben. Aber keine Theorie sollte so banal sein, dass sie den Kapitalismus auf eine fiktive Tauschwirtschaft reduziert, in der es noch nicht einmal Kredite gibt.
Der Kapitalismus ist komplex, wie Smith, Marx und Keynes wussten: Er ist ein Prozess, der keinen Stillstand kennt. Er ist niemals stabil, sondern schwankt zwischen Boom und Krise. Vermögen existiert nicht per se, sondern hat nur Bestand, wenn es ständig neu eingesetzt wird. Einkommen ist niemals garantiert, sondern entsteht nur, wenn unablässig investiert wird. Zudem ist der Kapitalismus zutiefst paradox: Für den Einzelnen ist Sparen sinnvoll- für die Gesellschaft als Ganzes kann es gefährlich sein, weil dann die Nachfrage fehlt. Zwischen den Firmen gibt es Wettbewerb, bis kein Wettbewerb mehr übrig ist und nur noch Großkonzerne herrschen. Kapitalismus ist also keine »Marktwirtschaft «, obwohl es Märkte gibt. Maschinen sind nur Hilfsmittel, doch diese technischen Innovationen definieren die Realität und verändern sie. Der Kapitalismus produziert immensen Wohlstand, aber gleichzeitig vergrößert er den Abstand zwischen Arm und Reich. Es herrscht Überfluss, aber in Krisen kann es plötzlich zu großer Not kommen. Geld entsteht "aus dem Nichts«, ist aber kein Nichts, sondern ein zentraler Machtfaktor, weil die Spekulation die Realwirtschaft aussaugt und erdrückt. Der Kapitalismus scheint das Gegenteil vom Staat zu sein, kann aber ohne den Staat gar nicht
existieren.
Der Kapitalismus ist das einzige dynamische soziale System, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Die Ökonomie sollte ihn erforschen, statt ihn aus ihrer Theorie zu verbannen.