Sozial-ökologische Transformation

Das Projekt einer solidarischen Moderne

Im Zuge der Diskussionen um Umwelt-, Klima- und Ressourcenkrisen wurde mit der „sozial-ökologischen“ oder „Großen Transformation“ ein Begriff geprägt, der durch seine radikale Semantik einiges Potenzial für ein progressives Projekt auf der Höhe der Zeit hat: das Projekt einer solidarischen Moderne.

Im ökologischen Kern geht es bei der Großen Transformation um die Heraustransformation aus einem Kapitalismus, der auf fossilen Energieträgern beruht und rastlos Ressourcen und Senken benötigt. Das vielfach postulierte postfossile Zeitalter muss eingeleitet werden. Manche gehen einen Schritt weiter und denken an eine Große Transformation weg vom neoliberalen Kapitalismus, der nicht nur ökologische Zerstörung, sondern auch gesellschaftliche Spaltung und Entsolidarisierung vorantreibt. Hier geht es neben ökologischen auch um soziale und wirtschaftliche Dimensionen. Eher wenige verstehen darunter eine Heraustransformation aus dem Kapitalismus insgesamt, das heißt aus einer Gesellschaft, in der zentrale Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zuvorderst dem Profit- und Wachstumsprinzip unterworfen werden. Dies bedeutet nicht, nur die Finanzmärkte zu schwächen, sondern die ökonomische und politische Macht des Kapitals insgesamt: seine die Gesellschaft strukturierenden Dominanz.

Wachstum als destabilisierender Faktor

Der Begriff der sozial-ökologischen Transformation entwickelt seine besondere Bedeutung angesichts einer Gesellschaft, deren herrschende Logik des Wandels -die Logik des Profitmachens, der Akkumulation von Kapital und der expansiven wirtschaftlichen Aktivitäten – immer stärkere und immer unkontrollierbarere Krisen verursacht. Anders gesagt: Wachstum selbst ist zum destabilisierenden Faktor geworden. Und dies nicht nur unter Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus –auch das weitere Wachsen der Produktion von (kurzlebigen) Gütern und Dienstleistungen schafft potenzielle und reale Instabilität. Die Ressourcen müssen beschafft werden, was nicht immer konfliktfrei abläuft, und auch der Klimawandel schafft viele Unsicherheiten inklusive der berüchtigten „Kipppunkte“ des lokalen oder regionalen Klimas.

Diese veränderte gesellschaftliche Konstellation muss von einer zukunftsfähigen Linken zunächst verstanden und dann politisch aufgegriffen werden. Denn eine sozial-ökologische Transformation erfordert eben nicht nur, den Kuchen anders zu verteilen. Vielmehr muss dieser Kuchen auch anders gebacken und in den Industriestaaten außerdem deutlich kleiner werden: Weniger Autos, weniger Flugverkehr und Fleischkonsum sowie eine Umkehr von der hochindustrialisierten zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Doch diese Konversionsprozesse etwa im Bereich der Mobilität dürfen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Andere Formen der Mobilität, die wir ja kennen, aber auch die Vermeidung von sogenannter erzwungener Mobilität müssen gestärkt werden.

Entwurf einer neuen Grundlage der Gesellschaft  

Eine sozial-ökologische Transformation muss deshalb nicht nur jene Probleme und Krisen effektiv bearbeiten, die aufgrund des kapitalistischen Expansionsdrangs und der Profitorientierung entstehen, sondern sie muss eingebunden sein in einen Entwurf, der unsere Gesellschaft auf eine andere Grundlage stellt, um Wohlstand zu schaffen und zu sichern und damit der Transformation selbst eine neue Richtung, eine neue Logik gibt. Nur damit kommt das progressive gesellschaftspolitische Spektrum wieder in die Offensive, gewinnt Glaubwürdigkeit und Gestaltungsmacht.

Dabei geht es vor allem um lebbare, für die Menschen attraktive Verhältnisse – kurz: um ein neues Wohlstandsmodell, um andere Formen der Ernährung und Mobilität, der Energieversorgung und Kommunikation, des Wohnen und Kleidens. Und das unter Bedingungen starker ökologischer Restriktionen, samt ihren macht- und verteilungspolitischen Implikationen.

Wir fangen dabei nicht bei Null an. Es gibt vielfältige Diskussionen, Vorschläge und praktische Ansätze. Immer mehr Menschen wehren sich gegen die Zumutungen aktueller Politik, sie wollen längst anders leben und arbeiten: sozial, ökologisch und gemeinsam. Die Kämpfe gegen Prekarisierung und für gute Arbeit, für selbstbestimmtes Wohnen und lebenswerte Städte, Urban Gardening, solidarische Ökonomie, die Commons-Bewegung und die Energiegenossenschaften sind ihre unmittelbaren Antworten. Das Versprechen „Wachstum gleich Wohlstand“ wird immer weniger geglaubt und real erfahren. Doch „einem sozialökologischen und demokratischen Richtungswechsel entspricht […] keine parteipolitisch wirksame Formation, die regierungsfähig wäre. Ein Integrationsangebot von ‚Mitte-Links‘ ist bisher nicht in Sicht. Das macht jede Opposition zur Politik der Merkel-Regierung aus der Gesellschaft heraus ungeheuer schwierig.“

 

weiter Blog Wachstum